Einzelkind

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In der Welt, in der ich aufwuchs, hatte eine typische Familie zwei bis drei Kinder. Die Freunde meiner Kindheit gehörten samt und sonders zu solchen Musterfamilien. Wenn’s keine zwei Kinder waren, dann drei; wenn nicht drei, dann zwei. Familien mit sechs oder sieben Kindern waren die Ausnahme, aber noch seltener waren Familien mit nur einem Kind.

Wie es der Zufall wollte, war ich eine dieser Ausnahmen, denn ich war ein Einzelkind. Ich hatte deswegen einen Minderwertigkeitskomplex, als sei irgend etwas  an mir abnorm, da mir etwas fehlte, was alle anderen hatten und als selbstverständlich betrachteten.

Ich verabscheute das Wort Einzelkind. Jedesmal, wenn ich es hörte, hatte ich das Gefühl, mir fehle etwas – als sei ich kein ganz vollständiger Mensch. Das Wort Einzelkind pflanzte sich vor mir auf und deutete vorwurfsvoll auf mich.  „Da hapert’s, Junge“, sagte es zu mir.

In der Welt, in der ich lebte, war man allgemein der Überzeugung, Einzelkinder seien verzogen, schwach und egozentrisch. Daran war nicht zu rütteln – so wenig wie an der Tatsache, dass das Barometer fällt, je höher man steigt, und dass Kühe Milch geben.

aus: Gefährliche Geliebte, von Haruki Murakami

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2 Kommentare zu “Einzelkind

  1. Ich habe da ähnliche Erfahrungen gemacht. Die o. g. Vorurteile haben auch mich sehr getroffen. Erschwerend kam hinzu, dass ich keinen Vater hatte. Da gab es das ein oder andere Kind, das aus diesen Gründen nicht mit mir spielen durfte.

    Ich glaube, ich habe mich gerade wegen des Einzelkind-Makels schon als Kleine ganz besonders angestrengt, Dinge zu tun, die für ALLE gut sind. Kaum eine Jahrgangsstufe, in der ich nicht Klassensprecherin war… oder Stufensprecherin… oder Schulsprecherin. Das hat aber imagemäßig alles nichts gebracht. „Ach… Du bist EINZELKIND… *bedeutungsvoll schweig und augenbrauen hochzieh*“, habe ich immer wieder erfahren.

    Ich bin noch heute erstaunt und kann nicht begreifen, wie ‚die Leut‘ zu solchen Ideen kommen, dass Einzelkinder verzogene und verhätschelte Blagen sind, denen alles in den Hintern geblasen wird. Bei mir war das jedenfalls nicht so. Ich hatte weniger Taschengeld als andere, musste Schulkram davon kaufen (und hatte darum ab Klasse 9 einfach keine Schulbücher mehr) und was auch immer ich an guten Noten nach Hause brachte, es war nie gut genug. Ich konnte mit niemandem gegen diese schreiende Ungerechtigkeit paktieren. Wenn man Einzelkind ist, muss man alle Fürsorge, auch die fehlende, allein aufessen.
    —snip—

    Von Murakami habe ich bisher nur zwei Bücher gelesen: ‚Kafka am Strand‘ und ‚Nach dem Beben‘. Beide sind mir hinterher gelaufen, wie auch dieses, das ich aus einem öffentliche Bücherschrank habe. Da ich mich selten an Handlungen, sondern nur an Stimmungen erinnere, die Bücher in mir ausgelöst haben, kann ich nur sagen: beide Bücher haben mich berührt… und das schon auf den ersten Seiten. Ich bin froh, dass nun auch dieses Buch mich gefunden hat 🙂

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