die erste sein

über viele jahre war ich die zweite

erst ohne versprechen

dann mit

ich war mir dessen bewusst

es war schmerzlich

 

ich habe mir gewünscht

die erste zu sein

 

nach dem tod der ersten

bin nun ich die erste

und es gibt wieder eine zweite

 

ich erkenne schmerzlich:

die erste dient dazu

das vertraute zu sein

das, was solide ist

das, was gleichzeitig unbequem ist

eine perfekte projektionsfläche

für alles schwere zu sein

 

die erste dient dazu

sich von ihr zu befreien

weil es wo anders schöner scheint

leichter

friedvoller

unverbindlicher

 

die erste ist die pflicht

die zweite ist die kür

 

die zweite dient dazu

das neue zu sein

das, was abenteuerlich ist

das, was aufregend ist

das, was erregend ist

das, was leicht erscheint

das, wo alle (er)lösungen zu liegen scheinen

für alles, was in dir selbst schwer ist

 

ich bedauere

mir je gewünscht zu haben

die erste zu sein

 

in deinem leben

ist es besser

die ewige zweite zu sein

 

ich gebe meine erste geige ab

 

mag die zweite nun zur ersten werden

das ist strafe genug

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zur übung

die luft

anhalten

vor schmerz

wieder und wieder

zaghaft

einatmen

hoffen

wieder und wieder

scharf einatmend

erwachen

vor schreck

wieder und wieder

mein herz

verschließend

ein langes ausatmen

sage ich

nein

tanz mit mir

eine hand

sanft hingehalten

mit einer weichen

bewegung aus dem handgelenk

öffnet sie sich mir

weich

fragend

bittend

achtsam

 

sie sagt:

ich lade dich ein

schenk dich mir

ich erwarte dich

ich sehe dich

ich bin hier

ich respektiere dich

ich respektiere jede deiner entscheidungen

ich werde dein ja lieben

ich werde dein nein bedauern

aber immer bist du mir willkommen

 

für andere

bin ich nur eine Geste

für dich bin ich

liebe

konjunktiv II

 

dass ich noch mal

grammatik lernen …

dass ich noch mal

gedichte schreiben …

dass ich noch mal

so weinen …

dass ich noch mal

so schreien …

dass ich noch mal

so lieben …

 

du trittst sie mit füßen

ganz real

wenn ich dir jetzt

den rücken zuwende

dann ist es wenig konjunktiv

dann ist es eine antwort

auf was

mir wirklich wichtig ist

 

nur die buchstaben sind

dieselben

Lange Arme

Es waren Deine langen Arme

Die mich hielten

Deine lange Arme

Die mir ein Nest bauten

Deine langen Arme

Die mir Geborgenheit gaben

Die das pure Glück für mich waren

 

Es waren Deine langen Arme

Die mich losließen

Deine langen Arme

Die gingen

Eine andere zu umarmen

Du sagtest:

Damit ihre Arme

Den anderen loslassen könnten

 

Es waren Deine langen Arme

Die keinen Halt mehr boten

Deine langen Arme

Die die Kraft verloren

Deine langen Arme

Die versuchten

Zwei zu halten

Deine langen Arme

Die plötzlich zu kurz waren

Viel-leicht

 

(Kleine Küchenpoesie am Abend)

Viel-leicht

Vielleicht
könntest du
zur Abwechslung ja mal
sie mit mir betrügen.

Auf ihrem Klo sitzen
und mir Herzen schicken.
Mit ihr vögeln
und an mich denken.

Ihr sagen:
Ich liebe Dich.
Und es nicht so meinen.
Es nicht so fühlen.

Geräusche machen.
Es ihr recht machen.
Sie so betrügen,
wie ihr es für mich geplant habt.

Sie hintergehen.
Wie mich.
Wie Dich.
Dich selbst hinters Licht führen.

Vielleicht
ist es irgendwann
zu viel
und nicht mehr
leicht.

Vielleicht
könntest du
zur Abwechslung
mal ehrlich sein.

Nur so zur Übung.
Für den Anfang
zu Dir selbst.
Und dann auch zu mir.

Vielleicht sogar zu ihr.

Und vielleicht
wäre ich
am Ende
sogar noch da.