Das Bedingungslos

 

Eines Tages wuchsen Herrn P. die Dinge über den Kopf. Vor lauter Vorstellungen, was er erledigen müsste und wozu er verpflichtet sei, wurde ihm schwer im Gemüt. Und so sanken seine Schulter nach unten und sein Kopf neigte sich. Während Herr P. nun also die Weite aus dem Blick verloren hatte und Antworten auf seine Fragen auf dem Boden zu suchen schien, wehte der Wind neben Blättern auch Bonbonpapiere in sein Sichtfeld. Und weil Herr P. die Umwelt liebte, bückte er sich, um letztere aufzuklauben und ordentlich zu entsorgen. Als er einige aufgehoben hatte, bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass das Leben ihm wieder einmal eine Überraschung geschenkt hatte, denn es war ein Los darunter: das Bedingungslos.

Herrn P.s Herz hüpfte. Viel zu lange hatte er sich den Bedingungen unterworfen, die andere oder auch das Leben an ihn zu stellen schienen! Damit wäre jetzt Schluss! Ja, das fühlte sich ganz entschieden gut an für Herrn P. – Er würde sich befreien, aufhören, sich nach den Wünschen anderer zu richten. Er würde ab jetzt tun, was er wolle.

Was sich erst einmal nach einem guten Plan anfühlte, sollte Herrn P. bald in arge Bedrängnis bringen: Wie sollte er wissen, was er wollte, wenn er nicht einmal die Bedingungen kannte, unter denen es ihm gut gehen könnte? Wie könnte ein Leben ohne Bedingungen denn aussehen? Wäre es nicht – bedingtermaßen – ein Leben ohne Orientierung? Wie sollte Herr P. denn dann überhaupt noch wissen, wie es ihm ginge, wenn er nicht mehr wüsste, woran er es messen sollte? Und wenn er sich von allen Bedingungen löste… was wäre dann mit all den erfreulichen Bedingtheiten seines Lebens?

Herr P. verlief sich im Laufe seiner Gedanken in der Dinglichkeit seines Seins irgendwo zwischen Dingsbums und Dingsda. Und wenn er nicht gestorben ist…

 

(Sollten Sie ihm irgendwo dort begegnen, seien Sie freundlich zu ihm und geleiten ihn – unbedingt – nach Hause.)

 

***

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Das Konturlos

 

Eines Tages fand Herr P. am Waldesrand einen kleinen gefalteten Zettel. Da Herr P. stets neugierig auf Geschriebenes anderer Menschen war, bückte er sich, um ihn aufzuheben. Er entfaltete ihn und wurde gewahr, dass es sich um ein Los handelte. Ein Konturlos. Herr P. faltete das Los sorgsam wieder an seinen Kniffen und steckte es in seine Hosentasche. Die linke. Denn in der rechten trug Herr P. stets seinen Schlüssel bei sich.

Herr P. setzte seinen Spaziergang fort. Zunächst sinnierte er ein Weilchen darüber, was ihm das Konturlos wohl bescheren könnte. Doch Schritt für Schritt entfernte er sich von seinen Gedanken – und sie sich von ihm. Als Herr P. aus dem Wald heraustrat sah er in strahlendem Sonnenschein eine weite Fläche voller reifer, goldener Getreideäcker vor sich liegen, durch die ein schmaler Feldweg führte. Herr P. setzte seine Füße auf diesen Weg. Mit jedem Schritt verbanden sich die Risse des ausgetrockneten Weges mit den Schrunden seiner Füße. Die fahlen Farben des Bodens wanderten an seinen Waden hinauf und durchströmten ihn. Die goldenen Ähren der Äcker neigten sich Herrn P. zu und ein sanftes Schwirren hüllte ihn ein. Das Sonnenlicht durchgleißte ihn.

Herr P. begann zu summen. Wie aus dem Nichts erschien ein sanfter aber bestimmter Windhauch. Und was Herrn P. eben noch zusammengehalten hatte, löste sich auf.

Von dunneknips

 

Als Kind war Frau P. oft überfordert. Heute, als erwachsene und einigermaßen vernünftig wirkende Frau, muss sie immer noch darauf achtgeben, dass nicht Omnipotenzanfälle ihr den Boden unter den Füßen wegziehen.

 

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Herr P. und die Ernsthaftigkeit

 

Herr P. war ein Meister der Flüchtigkeit. Dräute eine Ernsthaftigkeit an seine Tür zu klopfen, so suchte er Zuflucht in ablenkenden Geschäftigkeiten. Diese vollführte er mit einer solchen Ernsthaftigkeit, dass er den Unterschied bald nicht mehr bemerkte. Die neue Ernsthaftigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben, hatte sich in tiefen Linien in seine Wangen und um seine Augen eingegraben.

So wurde Herr P. zu einem seriösen Menschen.

o. T.

 

es ist dunkel

im moment ist alles gut

geborgenheit

deine und meine herztöne

in perfektem miteinander

du nährst mich

ich trage alle schönheit in mir

ich will sie hinaus ans licht bringen

da ist so viel freude

 

doch dann kommt die angst

ich habe noch keine worte für sie

sie ist nicht meine angst

sie ist deine

und sie weiß nicht, wie sie mit mir leben soll

wie sie mit mir leben kann

darum muss ich weg

ich soll sterben

sterben, bevor ich gelebt habe

 

ich weigere mich

ich kralle mich fest

ich verstecke mich

mache mich unsichtbar

unfühlbar

ich rette mich

rette mein ungeborenes leben

rette all das licht,

das ich in die welt bringen kann

 

ich überlebe

ich lebe

ich leuchte

und es kommen menschen in mein leben

die wieder mein licht erlöschen wollen

wieder und wieder

menschen, die mich in meine dunkelsten momente zurückwerfen

die mir meinen lebensmut nehmen

die mich vernichten

 

ich weiß

dass diese menschen

selber not leiden

dass sie es nicht tun

weil an mir etwas verkehrt ist

die es tun

weil ich so, wie ich bin

gefährlich für sie bin

weil sie sich in mir begegnen

 

ich bin wütend

wütend, dass diese menschen

nicht besser für sich gesorgt haben

dass sie all ihren alten schmerz

auf mich schütten

mich dafür verantwortlich machen,

dass sie ihn nun fühlen

und dass sie nicht den mut haben,

durch ihren eigenen schmerz hindurchzugehen

 

ich bin müde

heute zu müde

zu müde, weiterleben zu wollen

zu müde, immer wieder kämpfen zu müssen

zu müde, immer alles annehmen zu sollen

zu müde, immer wieder so hilflos zu sein

zu müde, mit dem lieben aufhören zu können

an einer stelle, wo nichts mehr zu erwarten ist

zu müde, um zu atmen

 

bitte, gott

so es dich gibt

nimm mich doch einfach zu dir

wenn es dich gibt

beende meine qual

wenn es dich gibt

lass mich nicht mehr

fühlen müssen

atmen müssen

 

***